Der gebürtige Schwabe Cem Özdemir ist seit 2008 Vorsitzender der Grünen, sitzt seit 2013 erneut im Bundestag und vertritt den Wahlkreis Stuttgart I. Von 2004 bis 2009 war Özdemir Mitglied des europäischen Parlaments, in den 1990er Jahren bereits Mitglied des Bundestages. Hier war der erste türkischstämmiger Abgeordnete und innenpolitischer Sprecher der grünen Fraktion.

Im April 2016 erklärte er, dass er als Kandidat zur grünen Urwahl antreten wird, um die Partei in den Bundestagswahlkampf 2017 zu führen. Zu seinen politischen Schwerpunkten im kommenden Urwahlkampf gefragt, erklärte der 50 Jahre alte „Realo“, dass Integration, der gesellschaftliche Zusammenhalt und Klimapolitik sein inhaltliches Profil darstellen. Letzteres hat für Ihn eine besondere Bedeutung, will er doch die Herausforderungen zusammen mit BürgerInnen, Unternehmen und politischen Institutionen schaffen. Der Dialog mit der Wirtschaft spielt dabei eine wichtige Rolle, aber dieser solle nicht zum Preis der eigenen Forderungen geführt werden. Schlussendlich muss sich aber in Cems Augen jeder und jede mit seinem und ihrem Konsum hinterfragen. Nichtsdestotrotz ist sich Cem sicher, dass „es viele, ja immer mehr Menschen in unserem Land gibt, die Grün einkaufen, Grün denken und Grün handeln – aber nicht unbedingt Grün wählen.

Es ist ihnen wichtig, dass wir unseren Wohlstand im Einklang mit Umwelt und Natur erwirtschaften und alle davon fair profitieren. Unsere Kinder und Enkelkinder sollen eines Tages gute Jobs haben, aber auch saubere Luft atmen und sauberes Wasser trinken können.“ Diese Menschen möchte er die Grünen als eine Alternative in der kommenden Bundestagswahl präsentieren.

Das Thema Integration beschäftigt Cem Özdemir als selbsternannter „anatolischer Schwabe“ sehr. Für Ihn ist die Integration in unsere Gesellschaft, durch Sprache und am Arbeitsplatz die Essenz für eine stabile Gesellschaft. In der Debatte um die zunehmenden Flüchlingszahlen im vergangenen Jahr versprach er, dass Grüne immer „an der Seite derjenigen stehen, die sich als weltoffen verstehen und Herz und Engagement für diejenigen zeigen, die vor Krieg, Terror und Fanatikern fliehen, die uns auch hier in Europa bedrohen.“ Nur durch die Integration vor Ort können man Konflikte reduzieren, Ängste abbauen und den rechtspopulistischen Geist unserer Zeit entmachten. Bei der Bewältigung der Flüchtlingspolitik dürfe man sich dabei nicht in die Abhängigkeit von Despoten wie Erdogan begeben, sondern müsse demokratische Partner wählen.

Den sozialen Zusammenhalt sieht Cem in Gefahr. Dabei müsse die Bundespolitik stärker daran mitwirken, das die soziale Ungerechtigkeit in Deutschland verringert werden und ignorierte Gruppen wie GeringverdienerInnen, Alleinerziehende und Langzeitarbeitslose in den Fokus gerückt werden. Auch Kinder dürfen nicht mehr zum Armutsrisiko werden und diese dürfen laut Cem auch nicht mehr von der sozialen Herkunft der Eltern abhängig sein, egal ob sie Thomas, Ahmet oder Alma heißen. Er möchte stärkere Investitionen in die sozialen Institutionen und Einrichtungen, damit jeder bei der Bewältigung der Probleme und Hürden Hilfe bekommt. Er vertritt die Position, dass es „nicht darauf ankommt, wo man herkommt, sondern einzig und allein, wohin man will!“.

Cem scheut auch nicht den ein oder anderen konservativen Shitstorm. So zeigte er sich in einem Onlinevideo mit einer Cannabispflange und attackiert in der türkischen Community die FreundInnen des autoritären Präsidenten Erdogan. Beides brachte Ihm viel Gegenwind, aber er formulierte, das er als „Freund der Freiheit“ dies gerne in Kauf nehme.

Dennis Helmich